Europa wirbt um Anthropic nach US-KI-Beschränkungen

Österreichs Initiative an die EU-Kommission
Staatssekretär für Digitalisierung Alexander Pröll richtete einen Brief an Henna Virkkunen, Exekutiv-Vizepräsidentin der Europäischen Kommission. Darin plädiert er für die strategische Ansiedlung und Beteiligung von Anthropic innerhalb der Europäischen Union. Als Anreize nannte Pröll Rechtssicherheit, frisches Kapital sowie den vollständigen Zugang zum europäischen Binnenmarkt. Konkrete Finanzierungszahlen, Zeitpläne oder Umsetzungspläne legte er nicht vor. Pröll räumte selbst ein, dass Skeptiker an der Durchführbarkeit zweifeln dürften.
Kern des Arguments ist die Sorge, Europa könne dauerhaft vom Zugang zu den neuesten KI-Entwicklungen abgeschnitten werden, wenn es jetzt nicht handelt. Brüssel prüft den Vorstoß vor dem Hintergrund einer laufenden öffentlichen Debatte über die US-amerikanische Kontrolle über KI-Spitzentechnologie.
US-Exportbeschränkungen als Auslöser
Den Anstoß für den europäischen Vorstoß gab eine Anordnung des US-Handelsministeriums vom 12. Juni. Die Behörde verhängte eine Exportkontrolle für Anthropics zwei leistungsstärkste Modelle, Claude Fable 5 und Claude Mythos 5, die erst kurz zuvor auf den Markt gekommen waren. Die Regelung untersagt jedem ausländischen Staatsangehörigen den Zugang zu diesen Modellen, einschließlich ausländischer Mitarbeiter von Anthropic selbst. Da eine Überprüfung der Nationalität der Nutzer technisch nicht möglich war, zog Anthropic beide Modelle weltweit zurück. Das ältere Modell Claude Opus 4.8 blieb weiterhin verfügbar.
Als Begründung nannten US-Behörden nationale Sicherheitsinteressen. Amazons Forscher, Amazon ist Anthropics größter Geldgeber mit einer Investition von 13 Milliarden US-Dollar, hatten zuvor aus Mythos 5 eingeschränkte Anleitung zu Cyberangriffen abrufen können. Anthropic-CEO Dario Amodei bezeichnete den Vorfall als begrenzten Bypass, nicht als vollständiges Jailbreak. Berichte deuteten zudem darauf hin, dass das Modell staatlich gesicherte Systeme hätte angreifen können. Am 26. Juni lockerte die US-Regierung die Beschränkungen für mehr als 100 vertrauenswürdige amerikanische Institutionen. Fable 5 bleibt weiterhin gesperrt.
Europas Chancen und strukturelle Schwächen
Ob eine tatsächliche Ansiedlung von Anthropic in Europa realistisch ist, erscheint fraglich. Das Unternehmen ist tief in der amerikanischen Infrastruktur verwurzelt. Es finanziert ein Rechenzentrum-Bauprogramm im Umfang von 50 Milliarden US-Dollar in Texas und New York. Im Gegenzug hat Anthropic sich verpflichtet, innerhalb eines Jahrzehnts mehr als 100 Milliarden US-Dollar für Amazons Cloud-Dienste auszugeben.
Europa hinkt bei den entscheidenden Grundlagen deutlich hinterher. Anthropic schätzt, dass allein die US-amerikanische KI-Infrastruktur bis 2028 rund 50 Gigawatt an zusätzlicher Energie benötigen wird. Der europäische Chips Act zielt darauf ab, bis 2030 einen Anteil von 20 Prozent an der weltweiten Chipproduktion zu erreichen, ausgehend von aktuell unter 10 Prozent. EU-eigene Prognosen sehen jedoch nur 11,7 Prozent als realistisch, und EU-Rechnungsprüfer bezeichnen das ursprüngliche Ziel als sehr unwahrscheinlich erreichbar. Europa führt zwar bei der KI-Regulierung durch eigene Rechtsvorschriften, doch fehlen Rechenkapazitäten, Kapital und Energiebasis, die Anthropic in den USA verankern.



