Circle-CEO Jeremy Allaire: Stablecoins werden bald unsichtbar

Von der Handelsplattform zum Zahlungsverkehr
Stablecoins wurden ursprünglich für Krypto-Börsen entwickelt. Dieses Kapitel geht laut Allaire zu Ende. „It has really been a market that grew out of the digital asset trading market. It’s now becoming a market for payments. It’s now penetrating capital markets with major capital markets firms“, sagte er gegenüber CNBC. Banken und Großunternehmen sollen digitale Dollar künftig als stille Infrastruktur nutzen, vergleichbar mit dem Rohrleitungssystem im Hintergrund eines Gebäudes.
Konkret untermauert wird diese Strategie durch eine neue Banklizenz. Circle hatte im Juni 2025 beim Office of the Comptroller of the Currency (OCC) einen Antrag gestellt und erhielt im Dezember eine vorläufige Genehmigung. Am 10. Juli folgte die endgültige Zulassung für die First National Digital Currency Bank. Allaire bezeichnete sie als erste digitale Vermögenswerte-Bank, die die OCC jemals zugelassen hat.
Marktposition und strategische Neuausrichtung
Die Zahlen zeigen, warum Circle einen neuen Weg einschlägt. Tethers USDT dominiert den Markt für Krypto-Stablecoins mit einer Marktkapitalisierung von 184 Milliarden US-Dollar. USDCs Marktkapitalisierung beläuft sich auf 73 Milliarden US-Dollar. In einem direkten Wettbewerb um den Krypto-Handelsmarkt hat Circle wenig Chancen. Allaire setzt deshalb auf ein anderes Terrain: Stablecoins sollen aufhören, als Krypto-Produkte wahrgenommen zu werden, und stattdessen als digitales Bargeld im regulären Wirtschaftssystem dienen.
„Every major institution, every major bank, every capital markets firm, payments companies, enterprises, public companies can all now build on this infrastructure, treat it as digital cash in the economic system. And that’s a huge opening up“, erklärte Allaire. Coinbase-Chef Brian Armstrong argumentierte zuletzt ähnlich, dass Stablecoins im Zahlungsbereich bereits heute diese Funktion übernehmen. Analysten prognostizieren laut Allaire ein Marktvolumen von einer bis mehrere Billionen US-Dollar in den kommenden Jahren, was einem Vielfachen der heutigen Gesamtmarktgröße entspräche.
Regulatorischer Rahmen und offene Fragen
Die Strategie stützt sich wesentlich auf den GENIUS Act, das im Juli 2025 unterzeichnete US-Stablecoin-Gesetz. Es verpflichtet Emittenten zur vollständigen Reservehaltung und zu monatlichen Veröffentlichungen. Die Regelungen treten spätestens am 18. Januar 2027 in Kraft, möglicherweise früher, sobald die Aufsichtsbehörden die Ausführungsbestimmungen abgeschlossen haben. Allaire räumte ein, dass auch Circle intern Anpassungen vornehmen muss: „The implementation really requires us to evolve our own kind of fiduciary and regulatory apparatus as well.“
Wettbewerber und Risiken
Der Weg ist nicht ohne Hindernisse. Ein neues Konsortiums-Stablecoin-Projekt setzt USDC-Renditen bereits unter Druck. Gleichzeitig testet Europa einen digitalen Euro als mögliche Alternative. Sollten Banken die Umsetzung verschleppen und die Frist im Januar 2027 verstreichen lassen, dürften digitale Dollar vorerst ein Nischenprodukt des Krypto-Markts bleiben. Die nächsten anderthalb Jahre werden zeigen, ob Allaires Vision einer unsichtbaren Stablecoin-Infrastruktur tatsächlich Realität wird.



