Binance-CEO: MiCA verfehlt sein Ziel, EU-Nutzer entziehen sich der Aufsicht

70 Prozent der abgezogenen Gelder landen in selbst verwalteten Wallets
Nachdem Binance seine MiCA-Lizenzantragsstellung in Griechenland Ende Juni zurückgezogen hatte, stellte die Plattform am 1. Juli den Dienst für neue EU-Kunden ein. Bestehende Kunden mussten ihre Guthaben verlagern. Laut Teng flossen 70 Prozent der abgezogenen Mittel in sogenannte Self-Custody-Wallets, also Wallets, bei denen Nutzer die privaten Schlüssel selbst verwahren. Nur 30 Prozent wechselten zu Plattformen, die unter MiCA lizenziert sind. Der Rückzug fiel zeitlich mit den höchsten wöchentlichen Abflüssen bei Binance seit mehr als drei Jahren zusammen.
Binance zog Lizenzantrag wegen wiederholter Verzögerungen zurück
Teng begründete den Rückzug des MiCA-Antrags mit wiederholten, unbegründeten Verzögerungen im Genehmigungsverfahren. Um einen überstürzten Übergang für die betroffenen Nutzer zu vermeiden, habe sich das Unternehmen entschieden, den Antrag zurückzuziehen. Binance wurde inzwischen eingeladen, in anderen EU-Mitgliedstaaten neue Lizenzanträge zu stellen, und bekräftigt seine Bereitschaft, in der Region aktiv zu bleiben.
Teng: Selbstverwahrung birgt größere Risiken als lizenzierte Börsen
Der frühere Regulierer Teng argumentiert, dass der Wechsel in Self-Custody-Wallets genau jenen Schutz untergräbt, den MiCA eigentlich gewährleisten soll. Lizenzierte Börsen führen Geldwäscheprävention (AML) und Identitätsprüfungen (KYC) durch. Bei nicht-verwahrenden Wallets entfallen diese Kontrollen vollständig.
„Sobald die Mittel in eine selbst gehostete Wallet wandern, verstärken sich die Risiken tatsächlich. Man hat keine ordentlichen AML- und KYC-Kontrollen darüber“, sagte Teng. Er plädiert dafür, dass Regulierer mehr davon profitieren, konforme Unternehmen zu lizenzieren, als Aktivitäten aus ihrem Sichtfeld zu verdrängen.
Befürworter der Selbstverwahrung sehen das anders
Anhänger von Self-Custody interpretieren dieselben Zahlen gegensätzlich. Die direkte Kontrolle über private Schlüssel eliminiert das Gegenparteirisiko, das vergangene Börsenzusammenbrüche offengelegt haben. Für viele Nutzer gilt Selbstverwahrung nicht als Schlupfloch, sondern als wesentliches Merkmal dezentraler Finanzsysteme. Ähnliche Argumente werden auch in den USA vorgebracht, wo Anbieter nicht-verwahrter Wallets US-Regulierer gebeten haben, Self-Custody-Software von überholten Regelwerken auszunehmen.
Regulierer und MiCA-Praxis unter Beobachtung
Europäische Behörden sind für diese Verschiebungen nicht blind. Die europäische Crypto-Travel-Rule verpflichtet Börsen bereits, Daten zu Transaktionen mit selbst gehosteten Wallets zu erheben. In dieser Woche wurde zudem eine MiCA-Überprüfung zur Verwahrung eröffnet. Analysten betonen, dass nicht der Gesetzestext selbst, sondern dessen Durchsetzung der eigentliche Test für das Rahmenwerk sein wird. Die kommenden Lizenzentscheidungen dürften erste belastbare Hinweise darauf liefern, ob der Trend zur Selbstverwahrung eine vorübergehende Reaktion auf Binances Rückzug oder eine dauerhafte Entwicklung ist.



