Warum Bitcoin bei 65.000 Dollar feststeckt, während KI die Inflation antreibt

ETF-Zuflüsse bleiben bescheiden
US-amerikanische Spot-Bitcoin-ETFs verzeichneten am Dienstag Nettomittelzuflüsse von 203,2 Millionen US-Dollar, womit die positive Entwicklung sechs Tage in Folge anhält. Dennoch relativiert sich das Bild erheblich, wenn man den Kontext betrachtet: Allein in den Monaten Mai und Juni wurden insgesamt 6,9 Milliarden Dollar aus diesen Produkten abgezogen. Die aktuellen Zuflüsse decken diesen Rückstand nur zu einem Bruchteil ab und reichen nicht aus, um eine breite Marktrally anzustoßen.
KI-Boom treibt Inflation und hält Zinsen hoch
Das entscheidende Hindernis für Bitcoin liegt jedoch außerhalb des Kryptomarkts. Das US-Notenbankprotokoll der Juni-Sitzung zeigt, dass die Federal Reserve den KI-Investitionsboom direkt mit anhaltendem Inflationsdruck in Verbindung bringt. Die starke Nachfrage nach Rechenzentren, Strom und Hightech-Ausrüstung treibt die Preise hoch. Die Notenbank warnte, dass KI-Investitionen das Wirtschaftswachstum über ein nachhaltiges Niveau heben und Inflation hartnäckiger machen könnten.
Die Zahlen aus der Unternehmensberichtssaison verdeutlichen das Ausmaß dieser Investitionswelle. Alphabet hob seine erwarteten Kapitalausgaben für 2026 auf 195 bis 205 Milliarden Dollar an, nachdem der Umsatz von Google Cloud im jüngsten Quartal um 82 Prozent gestiegen war. Microsoft plant für das laufende Kalenderjahr Ausgaben von rund 190 Milliarden Dollar. Nvidia meldete einen Anstieg der Rechenzentrumsumsätze um 92 Prozent im Jahresvergleich auf 75,2 Milliarden Dollar. Fed-Chef Kevin Warsh bestätigte, dass die Investitionen in Hightech-Ausrüstung im Jahresvergleich um fast 25 Prozent gestiegen seien.
Steigende Anleiherenditen und starker Dollar belasten Bitcoin
Die anhaltende Inflation schränkt den Spielraum der Federal Reserve für Zinssenkungen erheblich ein. Die Verbraucherpreise lagen im Juni noch 3,5 Prozent über dem Vorjahreswert, die Erzeugerpreise sogar 5,5 Prozent höher. Der Anleihemarkt reagierte entsprechend: Die zweijährige US-Staatsanleihe erreichte am Mittwoch eine Rendite von 4,301 Prozent, den höchsten Stand seit mehr als einem Jahr, während die zehnjährige Rendite sich 4,66 Prozent näherte. Höhere Renditen machen Staatsanleihen und Cash im Vergleich zu risikoreichen Anlagen wie Bitcoin attraktiver.
Nikita Zuborev, Senior Analyst bei BestChange, beschreibt den Mechanismus klar: „Ein teurer Dollar und hohe Anleiherenditen ziehen derzeit Liquidität aus risikoreichen Anlagen wie Kryptowährungen ab.“ Zusätzlich stützen höhere Zinserwartungen und Spannungen im Nahen Osten den US-Dollar, was Bitcoin traditionell unter Druck setzt.
KI-Aktien konkurrieren um dasselbe Kapital
Evgeny Popov, Chefredakteur bei InvestFuture, sieht einen weiteren Faktor: Kapital, das früher in den Kryptomarkt geflossen wäre, wandert in KI-Unternehmen, Chipkonzerne, Rechenzentren und Energieinfrastruktur. „Dort sehen Anleger aktuell Wachstum und eine klarere Geschichte über die Zukunft“, so Popov. Die Marktdaten stützen diese Einschätzung. Halbleiteraktien legten im bisherigen Jahresverlauf 2026 rund 69 Prozent zu, während Bitcoin noch etwa 25 Prozent im Minus liegt.
Für eine nachhaltige Erholung über die Spanne zwischen 60.000 und 70.000 Dollar hinaus bräuchte Bitcoin nach Einschätzung von Marktbeobachtern sinkende Inflation, fallende Anleiherenditen, eine weniger restriktive Geldpolitik und anhaltende institutionelle Nachfrage. Die nächste Zinsentscheidung der Fed steht am 29. Juli an. Bis dahin bleibt Bitcoin zwischen vorsichtig steigenden ETF-Zuflüssen und einem kostenintensiven Kapitalumfeld gefangen.



