Wer zahlt, wenn MicroStrategys 64-Milliarden-Bitcoin-Wette schiefgeht?

Das Flywheel-Modell und seine Kehrseite
Strategy hat sein Bitcoin-Portfolio durch den Verkauf von Aktien und Anleihen finanziert. Steigende Bitcoin-Kurse trieben den Aktienkurs nach oben, was wiederum neue Kapitalrunden ermöglichte. Dieses Kreislaufprinzip funktioniert jedoch auch in die entgegengesetzte Richtung. Seit 2025 schreibt die Rechnungslegungsregel ASU 2023-08 des US-amerikanischen FASB-Gremiums vor, dass Unternehmen ihre Bitcoin-Bestände quartalsweise zum Marktwert bewerten müssen. Infolgedessen wies Strategy im frühen Jahr 2026 einen nicht realisierten Verlust von 14,46 Milliarden Dollar aus, was zu einem Nettoverlust von 12,54 Milliarden Dollar oder 38,25 Dollar je verwässerter Aktie führte.
Wer die Rechnung bezahlt
Die Kosten des sinkenden Bitcoin-Kurses verteilen sich auf mehrere Gruppen. Strategy-Chef Michael Saylor räumte während des Earnings Call im ersten Quartal 2026 offen ein, dass Aktienemissionen unterhalb des Nettoinventarwerts die bestehenden Aktionäre direkt schädigen. Konkret erklärte er: Verkauft das Unternehmen Aktien im Wert von einer Milliarde Dollar und kauft damit Bitcoin zum Faktor 1,0x des Nettoinventarwerts, entspricht das einem negativen Ertrag von 48 Basispunkten und kostet die Aktionäre 310 Millionen Dollar.
Neben den Stammaktionären trifft es auch Investoren in sogenannte Bitcoin-Treasury-Unternehmen, also Firmen, die Strategy als Vorbild nachahmten. Deren Aktien hatten zeitweise mit hohen Aufschlägen auf ihre Bitcoin-Bestände gehandelt. Mit dem Rückgang dieser Prämien sind viele Anleger tief im Minus. Tom Lee, Vorsitzender von BitMine, fragte öffentlich, wie ein Platzen der Blase aussehen solle, wenn nicht genau so wie jetzt.
Eine dritte Gruppe trägt das Risiko unfreiwillig: Anleger in Indexfonds und Pensionskassen. Der Indexanbieter MSCI hat vorgeschlagen, Unternehmen aus seinen globalen Indizes zu entfernen, deren digitale Vermögenswerte mehr als die Hälfte ihrer gesamten Aktiva ausmachen. Strategy erfüllt dieses Kriterium. Eine Entfernung würde passive Fonds zwingen, die Aktie unabhängig vom Kurs zu verkaufen. Schließlich sind auch Wandelanleihegläubiger und Vorzugsaktionäre betroffen, da deren Kapitalrückzahlungen und Dividenden auf eine Reserve von lediglich 1,4 Milliarden Dollar treffen.
Der entscheidende Termin: September 2027
Ein unmittelbarer Margin Call droht Strategy derzeit nicht, da die wesentlichen Schulden unbesichert sind. Der kritische Punkt ist kein Kursniveau, sondern ein Datum. Am 15. September 2027 können Inhaber einer Wandelanleihe im Volumen von 1,01 Milliarden Dollar Rückzahlung verlangen. Sollte der Aktienkurs bis dahin unter dem Wandlungspreis liegen, wird aus dieser Option eine bare Verbindlichkeit.
Co-CEO Phong Le betonte, dass das Unternehmen Bitcoin verkaufen werde, wenn es für die Firma vorteilhaft sei. Saylor selbst schloss einen begrenzten Verkauf nicht aus, etwa zur Finanzierung von Dividenden, um ein Signal an den Markt zu senden. Der Druck hat sich damit von einem Preisschwellenwert auf einen Kalendertermin verlagert. Für Strategy und seine Gläubiger ist der September 2027 die eigentliche Bewährungsprobe.



